Interview mit Vincent Kellner

Deine Jugend gründet-Teilnahme  ist acht Jahre her, woran erinnerst du dich?

Es gibt zwei Dinge, an die ich mich noch besonders erinnere: Während des Wettbewerbs fand ich es beeindruckend wie offen die Teams miteinander umgegangen sind und sich gegenseitig Feedback zu den Ideen gegeben haben, aber auch wie viel Zeit sich die Jury genommen hat in persönlichen Gesprächen Feedback zu geben und kritische Punkte anzusprechen. Es war insgesamt eine sehr angenehme und fast schon familiäre Atmosphäre.

Einen zweiten bleibenden Eindruck hat die Reise ins Silicon Valley und insbesondere der Besuch beim German Silicon Valley Accelerator hinterlassen. Ich kann mich noch genau erinnern, wie uns Mut zu gesprochen wurde, Dinge zu hinterfragen, Ideen auszuprobieren aber auch systematisch anhand des Lean-Startup Ansatzes Ideen zu testen und zu validieren.

Die Faszination des Silicon Valleys hat mich seitdem nicht mehr losgelassen und so habe ich auch einige Jahre später ein Auslandssemester in Berkeley absolviert, um den Gründergeist noch mehr erleben zu können.

Genau, ich bin in den letzten Zügen meines Wirtschaftsingenieurwesen Studiums und muss mich bald entscheiden, ob ich in die Forschung gehe oder in die Wirtschaft. Aktuell beschäftige ich mich viel mit der Analyse großer Datenmengen und Ansätzen des Maschinellen Lernens. Hier gibt es viele spannende Forschungsbereiche - insbesondere in der Automobilbranche (Stichwort „Autonomes Fahren“) aber auch in der Medizin kommen immer mehr Algorithmen zum Einsatz. Tatsächlich finde ich es auch hier reizvoll, in einem bestehenden oder eigenen Startup an der nächsten großen Technologie zu arbeiten.

„harvit“ habe ich mit Mitschülern gegründet. Mit unserem Konzept, lokalen Unternehmen Teambuildingseminare in der Natur vor der Haustür anzubieten und Mitarbeiter für die Kulturlandschaft zu sensibilisieren, haben wir viel Aufmerksamkeit erhalten u.a. von der UNESCO, und 2012 sogar den Bundeswettbewerb „Jugend gründet“ gewonnen. Nachdem meine Mitschüler und ich mit der Schule fertig waren, haben wir die Führung an andere Schüler abgegeben und „harvit“ als Seminar an der Schule verankert. Unsere Idee war, Schülern eine Möglichkeit zu bieten, ein Schuljahr lang unternehmerisch tätig zu sein. Leider ist das Projekt trotz großem Erfolg nach zwei Jahren mangels Unterstützung von Seiten der Lehrer wieder eingeschlafen.

„Call-a-Student“ habe ich während meines Bachelorstudiums mit Kommilitonen gegründet. Wir haben damals festgestellt, dass es gar nicht so einfach ist, den passenden Studiengang für sich zu finden. Jedes Jahr stehen viele tausende Schüler nach der Abiturfeier vor der Aufgabe, in wenigen Wochen eine weitreichende Entscheidung zu treffen: Was möchte ich studieren und wo? Mit „Call-a-Student“ haben wir eine Plattform entwickelt, die es Schülern ermöglicht, sich einfach und schnell mit Studenten auszutauschen, die bereits an der Wunschuniversität studieren. Schüler konnten sich so ganz unverbindlich über Text- und Videochats einen besseren Einblick verschaffen, wie es denn wirklich ist an der entsprechenden Uni zu studieren. „Call-a-Student“ haben wir einige Jahre neben dem Studium geführt. Nachdem allerdings einige Mitglieder des Gründungsteams mit dem Studium fertig waren und unterschiedlichen Karrierewegen nachgehen wollten, haben wir uns gemeinsam entschieden, die Plattform einzustellen.

Bereits in der Schule habe ich mit Freunden „harvit“ gegründet. Damals hatten wir keine Vorstellung was ein „Startup“ ist oder was „gründen“ bedeutet. Für uns war „harvit“ ein Projekt neben der Schule, in dem wir unsere Ideen selbst verwirklichen und eigene Entscheidungen treffen konnten. Spätestens mit der Teilnahme an „Jugend gründet“ haben wir gemerkt, dass mehr dahintersteckt und wir tatsächlich eine kleine Firma gegründet hatten. Die Reise ins Silicon Valley mit „Jugend gründet“ hat mich dann vollends vom Unternehmertum begeistert und mit vollem Tatendrang bin ich wieder nach Deutschland zurückgekommen. Seitdem lässt mich die Faszination am Unternehmertum nicht mehr los und ich habe in verschiedenen Startups gearbeitet, eigene Ideen verfolgt und Gründerzentren auf der ganzen Welt besucht.

Rückblickend war „Jugend gründet“ die Initialzündung für mich, mich mit einer Gründung und der Selbstständigkeit auseinanderzusetzen und hat mich langfristig geprägt.  Schülern fehlt oftmals an der Schule aber auch Privat die Unterstützung, um eigene innovative Ideen auszuprobieren und umzusetzen aber auch der Blick in die Zukunft, um zu verstehen, welche Möglichkeiten eine Gründung bedeuten kann. „Jugend gründet“ bietet Schülern eine einmalige Chance, in einem geschützten Raum eigene Ideen auszuprobieren und mit großartiger Unterstützung auch wahr werden zu lassen. In der heutigen Welt wird es immer wichtiger, nicht nur bekannte Konzepte anzuwenden sondern sich zu trauen eigene Ideen zu entwickeln und Bestehendes zu hinterfragen. Selbst wenn die erste eigene Idee später noch nicht erfolgreich wird, hat man gezeigt, dass man sich traut an eigenen Ideen zu arbeiten und  Dinge zu hinterfragen und besser zu machen – das zeichnet wahre Gründer aus.

6.7.2018