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4. Bilanzanalyse

Die Bilanzanalyse (auch Jahresabschlussanalyse) ist eine Art Gegenspieler der Bilanzpolitik. Bei der Analyse geht es darum zu erkennen, wie es aus Sicht eines Fremdkapitalgebers um ein Unternehmen steht.

Diese Analyse kann auf unterschiedliche Arten erfolgen: Zuerst einmal in Form der formalen Bilanzanalyse. Hier wird nur geprüft, ob die formalen Vorgaben eingehalten wurden: Stimmt die Gliederung, sind die Angaben komplett.

Um herauszufinden, wie ein Unternehmen aufgestellt ist und im betrachteten Geschäftsjahr gewirtschaftet hat, ist es notwendig eine „materielle“ oder auch „inhaltliche“ Bilanzanalyse durchzuführen, bei der stärker ins Detail gegangen wird. Dabei können verschiedene Bereiche der Bilanz untersucht werden. Ist  beispielsweise die Verschuldung des Unternehmens relevant, muss eine Analyse der Kapitalstruktur vorgenommen werden, bei der die Posten der Passivseite benötigt werden.

Soll jedoch der Erfolg des letzten Geschäftsjahres ermittelt werden, also wie erfolgreich das Unternehmen gewirtschaftet hat, müssen sowohl Posten der Passivseite, wie auch die der Aktivseite, also die Gewinn- und Verlustrechnung in die Berechnung miteinbezogen werden.

Analyse der Kapitalstruktur

Bei der Analyse der Kapitalstruktur werden ausschließlich die Posten der Passiv-Seite berücksichtigt. Primär geht es hierbei um das Verhältnis von Eigenkapital zu Fremdkapital oder zum Gesamtkapital. Mit dieser Analyse kann ein Überblick über die Verschuldung des Unternehmens verschafft werden.

Für wen ist die Analyse der Kapitalstruktur von Bedeutung?

Die Lieferanten eines Unternehmens fragen sich, ob sie das Unternehmen weiterhin beliefern sollen, da das Gerücht umhergeht, das Unternehmen sei hoch verschuldet. Um den Verschuldungsgrad des Unternehmens berechnen zu können, genügt eine Analyse der Kapitalstruktur.
Auch für die eigenen Planungen zur Zukunft des Unternehmens und für die Anteilseigner ist die Analyse der Kapitalstruktur von Bedeutung.

Wichtige Kennzahlen zur Kapitalstruktur

Eigenkapitalquote = Eigenkapital : Gesamtkapital x 100

Eigenkapital kann von einem Unternehmen langfristig genutzt werden. Eigenkapital ist nicht kündbar. Eine hohe Eigenkapitalquote steht für die finanzielle Unabhängigkeit und für eine hohe wirtschaftliche Stabilität.

Im Jahr 2015 betrug die durchschnittliche Eigenkapitalquote aller mittelständischen deutschen Unternehmen 29,7 Prozent. Quelle: Statista

Erhöhen lässt sich die Eigenkapitalquote zum Beispiel bei einer GmbH durch die Umwandlung von Rücklagen in Stammkapital oder bei einer Aktiengesellschaft durch die Ausgabe neuer Aktien.

Fremdkapitalquote = Fremdkapital: Gesamtkapital x 100

Eine zu hohe Fremdkapitalquote schränkt den finanziellen Handlungsspielraum eines Unternehmens ein und führt zu einer geringeren Bonität.

Verschuldungsquote = Fremdkapital : Eigenkapital x 100

Je höher der Wert ist, desto höher ist das Unternehmen verschuldet, desto weniger Handlungsspielraum hat ein Unternehmen.

Analyse der Vermögensstruktur

Bei der Analyse der Vermögensstruktur wird ermittelt, wie sich das Vermögen des Unternehmens zusammensetzt. Dafür werden die Posten auf der Aktivseite der Bilanz analysiert. Dabei lässt sich zum Beispiel herausfinden, wie schnell ein Unternehmen bei Zahlungsengpässen oder Veränderungen der Konjunktur reagieren kann.

Für wen ist die Analyse der Vermögensstruktur von Bedeutung?

Für die Geschäftsinhaber ist diese Information wichtig, da sie dadurch beurteilen können, wie flexibel sie auf Änderungen reagieren können.
Auch für Anteilseigner und Gläubiger sind diese Informationen wichtig, da diese Analyse auch wieder Auskunft über die Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens geben kann.

Wichtige Kennzahlen zur Vermögensstruktur

Anlagenintensität = Anlagevermögen : Gesamtvermögen x 100

Die Anlagenintensität gibt den Anteil des Anlagevermögens am Gesamtvermögen wieder. Je geringer diese ist, desto flexibler kann ein Unternehmen auf Schwankungen der Konjunktur reagieren.

Umlaufintensität = Umlaufvermögen : Gesamtvermögen x 100

Die Umlaufintensität gibt den Anteil des Umlaufvermögens am Gesamtvermögen wieder. Je höher der Anteil des Umlaufvermögens ist, desto schnellere Reaktionen auf Beschäftigungs- und Konjunkturveränderungen sind möglich.

Aufgabe Aufgabe: Bilanzanalyse


Erfolgswirtschaftliche Bilanzanalyse

Bei der erfolgswirtschaftlichen Bilanzanalyse geht es um die Beurteilung und Prognose der Ertragskraft/Ertragslage eines Unternehmens – also kurz gesagt: Wie erfolgreich war das Unternehmen im letzten Geschäftsjahr? Dabei sind insbesondere Rentabilitätskennzahlen von Bedeutung.

Für wen ist die erfolgswirtschaftliche Bilanzanalyse von Bedeutung?

All diejenigen Personen haben Interesse an der Ertragslage eines Unternehmens (also am Erfolg), die Interesse am Erfolg des Unternehmens haben und entscheiden, wofür der Gewinn des Unternehmens verwendet oder wie ein Verlust ausgeglichen werden kann. Dazu gehören die Geschäftsleitung, Eigentümerversammlungen, die sogenannten Stakeholder, also Personen, Gruppen oder Institutionen, die Ansprüche oder Anforderungen an das Unternehmen richten und dessen Erfolg stark beeinflussen können.
So haben Aktionäre (Anteilseigner) Interesse an der erfolgswirtschaftlichen Bilanzanalyse, weil sich die Gewinnausschüttung (Dividende) an der Höhe des Gewinns orientiert. Arbeitnehmer könnten ihre Lohnforderungen an der Ertragslage des Unternehmens ausrichten.

Wichtige Kennzahlen zur Ertragslage

Eigenkapitalrentabilität = Jahresüberschuss : Eigenkapital x 100

Ein Anteilseigner investiert in ein Unternehmen mit dem Ziel, eine gute Verzinsung seines eingesetzten Kapitals zu erreichen. Diese Kennzahl drückt aus, wie hoch diese Verzinsung ist – also wie viel Prozent des eingesetzten Kapitals zu erwarten ist.

Diese Kennzahl sollte über dem Zins einer Bank liegen, denn sonst hätte man sein Geld schließlich dort sicher anlegen können.

Gesamtkapitalrentabilität = (Jahresüberschuss nach Steuern + Fremdkapitalzinsen) : Gesamtkapital x 100

Diese Kennzahl drückt aus, wie rentabel das Kapital vom Unternehmen eingesetzt wurde. Bei der Gesamtkapitalrentabilität wird die Effizienz des Kapitals unabhängig von der Finanzierung betrachtet (Fremdkapitalzinsen werden hinzugerechnet, da diese schließlich auch erwirtschaftet, allerdings schon bezahlt wurden).

Der Wert dieser Kennzahl sollte größer sein als der Zins für das eingesetzte Fremdkapital. Je höher die erzielte Gesamtkapitalrentabilität ist, desto effizienter wurde das Kapital eingesetzt.

Finanzwirtschaftliche Bilanzanalyse

Bei der finanzwirtschaftlichen Bilanzanalyse sollen Erkenntnisse über die finanzielle Stabilität des Unternehmens gewonnen werden. Sie soll einen Überblick über die Vermögens- und Kapitalstruktur des Unternehmens verschaffen. Im Vordergrund steht bei dieser Analyse die Beurteilung der Zahlungsfähigkeit (Liquidität).

Für wen ist die finanzwirtschaftliche Bilanzanalyse von Bedeutung?

Gläubiger wollen Auskünfte über die finanzielle Stabilität des Unternehmens. Sie wollen wissen, ob alle Zahlungsverpflichtungen, die das Unternehmen gegenüber seinen Gläubigern hat, eingehalten werden können.Die eigenen Mitarbeiter wollen wissen, ob die Gehaltszahlungen sicher sind und Kunden wollen wissen, ob Lieferverpflichtungen eingehalten werden können. Für diese Analyse werden vor allem Kennzahlen benötigt, die Auskunft über die Zahlungsfähigkeit (Liquidität) des Unternehmens geben.

Wichtige Kennzahlen zur finanzwirtschaftliche Bilanzanalyse

Liquidität 1. Grades  = Flüssige Mittel (Kasse, Bank) : kurzfristiges FK x 100

Kurzfristiges Fremdkapital (FK) sind Verbindlichkeiten mit einer Laufzeit bis zu 3 Monaten.

Die Liquidität 1. Grades zeigt an, wie viel Prozent der kurzfristigen Verbindlichkeiten sofort durch flüssige Mittel (Bankguthaben) beglichen werden könnten. Je niedriger dieser Wert ist, desto weniger Rechnungen können von dem Unternehmen beglichen werden.

Hier kann kein genauer Zielwert angegeben werden, da in der Literatur verschiedene Meinungen vertreten sind. Die einen halten einen Wert von 10 Prozent für gut, da so nicht zu viele Finanzmittel untätig auf der Bank liegen. Andere fordern einen Wert von mindestens 50 Prozent, um mehr Sicherheit bei der Zahlung von Verbindlichkeiten zu gewährleisten.

Liquidität 2. Grades = (Flüssige Mittel + kurzfristige Forderungen) : kurzfristiges FK x 100

Diese Kennzahl ist ähnlich der Liquidität 1. Grades. Konkret wird hier berechnet, wie viele ausstehende Rechnungen bezahlt werden könnten, wenn alle kurzfristigen Forderungen (z.B., wenn ein Kunde gegen Ratenzahlung bestellt hat) bezahlt worden wären.

Die Liquidität 2. Grades sollte auf jeden Fall über 100 Prozent liegen, was bedeutet, dass alle Verbindlichkeiten beglichen werden könnten, sobald die Kunden ihre erhaltenen Waren (kurzfristige Forderungen) bezahlt haben.

Liquidität 3. Grades = (Flüssige Mittel + kurzfristige Forderungen + Vorräte) : kurzfristiges FK x 100

Die Liquidität 3. Grades ist quasi die letzte Stufe der Liquidität. Hier geht es um die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens, wenn davon ausgegangen wird, dass – neben den flüssigen Mitteln und den kurzfristigen Forderungen – die Vorräte zum Ausgleich der Verbindlichkeiten zur Verfügung stünden.

Der Wert dieser Kennzahl sollte über 120 Prozent liegen.

Deckungsgrad I = Eigenkapital : Anlagevermögen x 100

Der Deckungsgrad I beschreibt, wie viel Prozent des Anlagevermögens durch Eigenkapital gedeckt ist. Konkret heißt das: Wie viel vom Anlagevermögen hat das Unternehmen nicht „auf Pump“ sondern mit eigenen Mitteln gekauft.

Der Wert dieser Kennzahl sollte zwischen 70 und 100 Prozent liegen.

Deckungsgrad II = (Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital) : Anlagevermögen x 100

Diese Kennzahl zeigt an, wie viel Prozent des langfristigen Vermögens (Anlagevermögen), durch langfristiges Kapital (Eigenkapital und langfristiges Fremdkapital) gedeckt ist.

Daher sollte dieser Wert deutlich über 100 Prozent liegen (ein Wert darunter weist auf einen Verstoß gegen die Goldene Bilanzregel hin. Sie besagt:Langfristig an das Unternehmen gebundene Anlagegüter sollen auch durch langfristiges Kapital gedeckt sein, während das Umlaufvermögen auch durch kurzfristiges Kapital gedeckt sein kann.

Deckungsgrad III = (Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital) : (Anlagevermögen + Vorräte)  x 100

Der Deckungsgrad III ist – ähnlich wie bei der Liquidität – die letzte Stufe und zeigt auf, inwiefern das Anlagevermögen und die Vorräte (die Teil des Umlaufvermögens sind) durch langfristiges Kapital gedeckt sind.

Damit von einer soliden Finanzierung ausgegangen werden kann, sollte diese Kennzahl rund 100 Prozent oder mehr betragen.

Strategische Bilanzanalyse

Bei der strategischen Bilanzanalyse sollen Erfolgspotenziale und künftige Strategien abgeleitet werden. Das heißt, dass Prognosen über den künftigen Erfolg oder auch Misserfolg des Unternehmens mittels historischer Daten aus den vergangenen Jahren erstellt werden. Denn nur aus der Beurteilung der Ertragskraft und der finanziellen Stabilität ist auch eine Prognose über den zukünftigen Unternehmenserfolg möglich.

Die strategische Analyse ist in erster Linie zukunftsorientiert und weist daher große Schnittstellen zu einer Unternehmensbewertung auf, bei der auch immaterielle Werte, wie Imitierbarkeit und Substituierbarkeit des Unternehmens und seiner Produkte, mitbewertet werden.

Für wen ist die strategische Bilanzanalyse von Bedeutung?

An Prognosen über den zukünftigen Erfolg sind im Prinzip alle auch schon bei den Punkten zuvor genannten Personengruppen interessiert.

Eine besondere Bedeutung hat die Bilanzanalyse, wenn es um Kreditverhandlungen, Finanzanalysen, den Abschluss von Lieferantenverträgen oder um bevorstehende Firmenkäufe oder Börsengänge geht.

Welche Aussagekraft haben die Kennzahlen und wo liegen ihre Grenzen?

Wenn man eine Bilanz analysiert, muss man sich im Klaren sein, dass die Aussagekraft von Kennzahlen Grenzen hat.

  • Bei der Bilanzanalyse hat man nur vergangenheitsorientierte Werte. Eventuell gibt es bereits Entwicklungen, die die Beurteilung beeinflussen könnten, die der Leser der Bilanz aber nicht kennt.
  • Einige Werte lassen sich ohne Branchenkenntnisse darüber, was ein guter oder schlechter Wert für eine Kennzahl ist, kaum beurteilen.
  • Um die Entwicklung eines Unternehmens beurteilen zu können, muss man die Kennzahlen im Zeitverlauf betrachten, also auch Bilanzen der Vergangenheit analysieren.
  • Durch Wahlrecht und Ermessensspielräume können einzelne Bilanzpositionen beeinflusst worden sein.

Erörterung Bilanzkennzahlen

Aufgabe Aufgabe: Erörtere, inwiefern die Kennzahlen für eine Analyse der Bilanz geeignet sind. Gehe dabei auf die Vor- und Nachteile der Kennzahlen ein.

Hier kannst du deine Lösung eintragen und nach dem Klick auf "Lösen" mit der Musterlösung vergleichen


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